Texte aus dem Bilderbuch

Briefe und Erzählungen

von    Amalie Wissing    ab 1999

 

Painting ©reated by Marie-Denise Douyon

Un bel di

Painting ©reated by Pejman Tadayon

“Cäcilie, darf ich einen Augenblick unterbrechen?" fragt Renate, "mein Kaffee steht in der Küche."
"Entschuldige. Wenn du willst, telefonieren wir später", schlägt Cäcilie vor.
"Nein, nein. Das geht schon. Ganz kurz nur. - So, da bin ich wieder. Sprich weiter. Ich höre dir zu."
"Ich bin eifersüchtig. Absolut eifersüchtig", hastet Cäcilie mit brennender Stimme weiter. "Bei ihm hat sich nichts verändert. Alles hat er behalten. Seine Freunde. Seinen sozialen Status. Und eine neue Liebe hat er auch." Sie räuspert sich. "Ich kann mich nicht so schnell umstellen. Auf eine neue Beziehung einlassen. Schon gar nicht auf eine neue Liebe." Sie räuspert sich. "Er macht weiter wie bisher. Und ich? Ich sitze da. Und?"
Das Telefon bleibt stumm.
Im Hintergrund dudelt baby, for all my life, I´m living to love you schmelzend in den Äther.
Vor ein paar Tagen erst hatte Ulrich mitsamt Werkzeugkasten pünktlich zur verabredeten Zeit an der nicht mehr gemeinsamen Wohnungstür geklingelt, um Cäciliens Wunsch gemäß eine alte Gardinenstange im Schlafzimmer ab zu schrauben. Im Flur standen sie einander hilflos gegenüber. Cäcilie schlug vor, sie sollten sich noch eine Chance geben, sich wieder näher kommen.
Als sie ihn ansieht, trifft es sie wie ein Blitz aus heiterem Himmel.
Er gibt auf. Leistet keinen Widerstand mehr.
Mit der camara lenta wird sie Zeugin. Mit einem Schlag versackt all seine je gekannte Energie. Wird unversöhnlich, unaufhaltsam Masse, die seinen Körper stopft und prall aus allen Poren schwitzt. Unwohl errötend quillt es aus ihm heraus, er habe sich bereits neu orientiert, und aus gestrecktem Galopp sieht sie sich gegen die rohe Wand ihrer vierundzwanzigjährigen Beziehung geschleudert, taumelt auf zittrigen Beinen, hört sich benommen flüstern. Geh, bitte geh! Ich will dich nicht mehr sehen. Nichts mehr von dir hören. Mindestens ein halbes Jahr, sagt ihr Sohn am Weihnachtsabend, sonst kommt man nicht zur Ruhe.
"Mir scheint, die Protagonisten sind von ihren Rollen mehr als überfordert", antwortet Renate ins Telefon. "Aber stell dir vor", wagt sie den Gedanken lachend weiter zu spinnen, "es gäbe eine Regieanweisung, und die sähe vor, dass ein Double deinen Part übernimmt. Und du entwickelst in Ruhe eine neue Persönlichkeit, die jenseits der Schmerzgrenzen liegt."
"Hört sich verdammt gut an. Stuntwoman gesucht für den Abspann einer Ehe."
"Eine gestandene Frau wäre für den dramatischen Abgesang zumindest qualifizierter als ein stummes Arschdouble."
"Und ich definiere mich fürderhin über den kontrollierten Abbau von Wasser, Luft und Mineralien..."
"Vorbei die Verirrungen der Gefühle. No indian summers anymore, meine Liebe."
"Blicklos im Vorübergehen. Gott, was für eine schreckliche Vorstellung!"
"Kein Vorspiel, kein Nachspiel!"
"Liebe vermodert und ist, was sie ist..."
"Hör auf! Das hört sich ja schrecklich an!"
"So ist es!"
"Wären Bilder denkbar, die dich zu einer anderen Haltung bewegen könnten?"
"Mein Sonnengeflecht meldet Funkstille. Ich bin nicht mehr so beherzt wie früher."
"Ist abgerutscht. Hat anderswo zu tun und wartet auf Wiederbelebung?"
"Ich habe zwei Karten für die Oper. Hast du Lust, mitzukommen?"
"Aufgebrezelt?"
"Wenn schon, denn schon. Ich hol dich ab."
Cäcilie und Renate kennen sich noch nicht lange. Aber wenn Frauen nicht mehr gemeinsam menstruieren, steht einer Freundschaft eigentlich nichts mehr im Wege. Sie ist einfach da und basiert auf eine Vertrautheit, der man bekannter Weise gerne bei Sandkastenfreudschaften nachweint.
Und gerade im Sandkasten lernen süße Mädchen, die vor ihnen liegende Zeit innigster Frauenfeindschaft möglichst ungeschoren zu überleben. Und Mädchen lernen schnell. Handeln großherzig. In Unschuld und Verbundenheit, auf alle Ewigkeit, Amen. Sie teilen sich mit. Und später vielleicht sogar die Liebhaber. Ein Zeichen ihrer Klugheit. Beiläufig werden sie anmerken, Müdigkeit setze außer Gefecht. Und Kraft ihres bezaubernden Lächens laufen weitere Fragen ins Leere.
Und das ist nur die Zeit der Kinderschuhe und erst eine Seite der Medaille, denkt Renate. Aus dem Ghettoblaster tönt wie bestellt I tried my best to keep her satisfied.
Seit Renates Sohn in einer anderen Stadt lebt, schaltet sie schon im Morgengrauen ihre Radios an. Sobald sie eine Sendung aufmerksam verfolgt, schallen die Sender synchron. Ansonsten überlässt sie die Programmwahl dem Zufall. Träumt sich von Elvis in der Küche zur Callas im Wohnzimmer, während Django Reinhardt im Bad wartet. Da sie nicht weiß, in welchem Traum sie sich bewegt, kann sie ihn nicht zu Ende träumen und nimmt, was ihr das Schicksal vor die Füße spielt. Manch Spiel durchschaut sie und gibt auf. Manches macht sie zur ungekrönten Queen der Improvisation. Und manchmal rufen ehedem Geliebte an. Sprechen, als seien sie erst gestern ein Paar gewesen, erinnern ihre Sanftheit, nehmen das vergilbte Bild ihres Körpers und wie aus der Pistole geschossen fragt sie nach Frau und Kind. O ja, hört sie die Selbstverliebten, immer wohlauf und glücklich, alle. Und jedes Wort trifft. Nein, nein, sagt sie, zu trauern gibt es nichts, und wischt die Tränen, und Gott sei Dank, sagt sie, hab ich dich nur geliebt und nicht geheiratet, denn no, you won´t be the reason I survive, diese Vorstellung verschlägt mir die Sprache.
Das Telefon klingelt.
"Mir fehlen die Worte!" Cäcilie ist schier außer sich. "Ich begreife es einfach nicht! Aber ich habe es geahnt. Ich habe es gewusst!"
Brunhilde heißt sie. Ein Furcht erregender Name! Warum nicht wenigstens Claudia. Eine Claudia könnte man sich vorstellen. Zur Not noch einschätzen. Man wüsste, mit wem man es zu tun hat. Aber Brunhilde überschreitet bei Weitem die Grenzen alles Zumutbaren. Woher sie kommt?
"Was meinst du?"
"Ich glaube, sie kommt aus dem Osten. Chemnitz, Karl-Marx-Stadt oder wie immer das heißen mag."
"Jetzt klauen die Weiber aus dem Osten uns auch noch die Männer! Zäh und zielstrebig. Ohne Rücksicht auf Verluste."
"Es geht schon seit Wochen. Ich habe es geahnt", schmeißt sie ihr Sechszylindergedächtnis an, "als ich den Brillantanhänger in seinem Zimmer gefunden habe. Für mich konnte der nicht sein", heult ihr Motor auf. "Hätte mir überhaupt nicht gefallen und bei unserem Juwelier hatte er ihn auch nicht gekauft", rast sie über ihren highway der Erinnerungen, "weil der es mir gesagt hätte und das hat er nicht, denn er hat mich immer angerufen, wenn Ulrich mir Schmuck schenken wollte und ich habe dann ausgesucht, was mir gefällt und für July oder Jenny wäre er auch nichts gewesen, war vom Design her einfach nicht jugendlich genug."
Plötzlich tritt sie voll in die Bremsen.
"Als ich ihn darauf ansprach, hat er nur herum genuschelt."
"Hättest dich für die Pretiose bedanken können", lacht Renate erleichtert. "Ihm ins Ohr geraunt, dass du Vergnügen hast an seinen Spielchen und gerne findest, was er versteckt."
"Dann wären vierundzwanzig Jahre Putzen, Kochen, Kinder aufziehen und ihm den Rücken frei halten auf jeden Fall ertragreicher gewesen", lacht Cäcilie bitter. "Er hat das absolut strategisch gemacht", sucht sie Wahrnehmung und Gedanken zu ordnen. „Absolut nach Plan! Hat sich die ersten Wochenenden nach seinem Auszug regelmäßig gemeldet und dann ganz langsam zurückgezogen. Und jetzt verbringt er Silvester mit ihr. Bei gemeinsamen Freunden in Mallorca!"
Sie holt tief Luft. "Ich habe sie angerufen und es war ihnen sichtbar unangenehm. Waren kurz angebunden und meinten", klingt sie ungeübt, "sie wollen sich nicht einmischen."
"Scheissfreunde!"
Cäciliens Stimme greift ins Leere.
"Sie sind angewiesen auf ihn. Machen gemeinsam Geschäfte."
"Doppelt Scheissfreunde!"
"Sie sagte nur", zögert Cäcilie, "Schicksalsschläge wollen uns etwas sagen und", tastet sie sich vorwärts, "ich müsste die Ursache also bei mir suchen."
"Meine Oma, und die war eine ganz tolle Frau, hat in solchen Fällen immer gesagt, tut mir leid, ich bin nur einmal geboren, aber es soll auch nicht wieder vorkommen."
Cäciliens Stimme atmet Kraft.
"Ich sage dir, ich habe es endlich begriffen. Ich laufe nicht mehr mit dem Kopf gegen die Wand. Ich habe nur noch eine riesige Wut." Erleichtert atmet sie durch. "Eine riesige Wut! Das hätte ich mir überhaupt nicht mehr vorstellen können. Aber ich spüre mich wieder!"
"Happy birthday, Schönste!"
"Danke. Tut gut. Und von mir aus soll er ihr das hübsche kleine Haus, von dem ich immer geschwärmt habe, doch kaufen! Das ist mir jetzt auch völlig egal!"
Vedremo...

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