Texte aus dem Bilderbuch

Briefe und Erzählungen

von    Amalie Wissing    ab 1999

 

Painting ©reated by Marie-Denise Douyon

Gastfreundschaft

Painting ©reated by Knut Kargel

Liebe Lisa

du hast mich um ein paar Gedanken zur Gastfreundschaft gebeten.
Kurz und schnell antworte ich Dir.
Mein Blick ist rückwärts gewandt.

Lass Deinen in die Zukunft schweifen!


Wenn wir Gastfreundschaft abtasten, erfahren wir sehr bald, was sich hinter diesem Wort verbirgt.
Es bedarf eines Gastes, der Freund spielt eine Rolle und es ist von Schaft die Rede. Nun, jede Schaft ist gewachsen, hat mit Tradition zu tun, was wir an bestimmten Ritualen erkennen können. Ganz gleich, zunächst einmal, ob es sich dabei um eine Freundschaft oder eine Feindschaft handelt.
In der griechischen Welt ist von Philemon und Baucis die Rede, einem betagten Ehepaar, das eines Tages einen Gott als Gast in seinem Haus aufnahm, der sich nach Sitte der Götter verkleidet hatte und wegen seines schlechten Outfits, wie wir heute sagen würden, von den anderen Menschen abgewiesen wurde.
Philemon und Baucis schämten sich ihrer Armut und verbargen sie tapfer vor dem Gast, den sie auf´s Beste bewirteten.
Der Gott belohnte die Beiden, indem er ihnen einen Wunsch freistellte.
Sie erbaten sich, dass jeder von ihnen nach dem Tod ein Baum sein möge. Und der Gott erfüllte ihnen den Wunsch. Sie wurden zu einer Lind und zu einer Eiche am Eingang seines Tempels, wo sie nun stehen und über ihn wachen.
Sagen, Legenden und Märchen, ja, selbst die Bibel, der Talmud und der Koran erzählen von Begegnungen, die so oder ähnlich abgelaufen sind. Damit setzen diese Erzählungen Maßstäbe und leisten einen gesellschaftlich wichtigen, erzieherischen Beitrag zur Wahrung der Tradition im Umgang mit Fremden.
Muster dieser Begegnungen sind vielfältig.
Unbekannte treffen aufeinander und der Mut, die Warmherzigkeit oder der Glaube eines Menschen oder Gastgebers werden auf die Probe gestellt und oft hoch belohnt.
Märchen erzählen von Verkleideten, Neugierigen und Listigen, die sich Zugang zu Hütten und Höfen verschaffen, weil sie dort ein sehr persönliches Interesse verfolgen.
Und es wird von Toren (Dummen) gesprochen, denen ein dummer Zufall oder eine läppische Verwechslung den Zutritt in ein fremdes Haus ermöglicht.
Zurück zum Thema.
Der Gast. Gast ist immer jemand, der kein Wohnrecht hat. Er ist ein Aufgenommener, der in einer persönlich misslichen Lage ist, arm, krank, verlassen, ohne ein eigenes Dach über dem Kopf. Und Gast ist auch ein Eingeladener.
Man bietet ihm eine Mahlzeit und beherbergt ihn. Mit dem Eintreten in das Haus gewährt man ihm Schutz. Er wird zum Schutzbefohlenen.
Das gemeinsame Mahl mit dem Brot und dem Salz als Ritual ist einerseits das Angebot des Gastgebers, ehrlich zu teilen, worin sich Achtung dem Fremden gegenüber ausdrückt, und andererseits besiegelt es seitens des Gastes die Wahrung der Achtung des fremden Gastgebers, ist also eine Art Pakt, die Gastfreundschaft auf keiner Seite zu missbrauchen.
Mit Hilfe dieses Rituals bekunden beide Seiten ihren Willen zum friedlichen Umgang miteinander und stellen aktiv eine Situation her, aus der sie durch die einander bindende Verpflichtung zu ebenbürtigen Partnern werden. Eine durchaus seltene Begebenheit!
Das Vorgehen ist klug und dem Menschen angemessen.
Unser tierisches Erbe, unser angeborenes Aggressionspotential werden beschwichtigt, entladen und in ein sozial verträgliches Netz umgeleitet.
Der Freund. Freund ist jemand, auf den ich mich verlassen kann. Jemand, der mir bekannt ist, jemand, mit dem ich eine Geschichte teile.
Der erste Schritt ist getan der Fuß über die Schwelle gesetzt.
Der Gastgeber fragt den Gast nach der Reise, seinem Befinden, seiner Familie.
Es entwickelt sich ein Gespräch, das Unbekannte wird bekannt. Im doppelten Sinne. Der Unbekannte wird einschätzbar, Schritt um Schritt lernt man ihn schätzen.
Der Gast erzählt Geschichten.
Geschichten sind das Geschenk der Mittellosen und Wanderer mit leichtem Gepäck. Man teilt sich mit und nimmt Anteil, hat Teil am Geschehen, ist Teil des Geschehens. Ist integriert, würde man heute sagen. Darin liegt die Magie der gemeinsamen Freude und Trauer. Selbst wenn sie im fiktiven Raum der Erzählung stattfindet.
Und so wird jeder des anderen Freund.
Die Schaft. Diese Schaft ist vielleicht kurz, wie eine Liebschaft, verlässlich, wie eine Kameradschaft und herzlich, wie eine Freundschaft. Aber sie ist verpflichtend und beständig, ein Grundpfeiler jeder Gemeinschaft.
Im Lauf der Jahre wandeln sich die Zeichen, derer wir uns bedienen.
Aus Brot und Salz sind längst Mon Cherie und Cappucchino geworden. Und Männer bieten dem Ehrengast nicht mehr ihre Frauen für die Nacht.
Gästetoilette und das Gästetuch bezeugen Status. Auf jeden Fall kalkulieren sie ein zufälliges Ereignis ein. Man schützt sich vor Überraschungen und sucht sich seine Gäste aus. Vielleicht sogar passend zum Design.
In Russland sagt man noch heute: Fühlen Sie sich wie zu Hause, aber vergessen Sie nicht, dass sie eingeladen sind...
In ihrem neuen Buch „Ich liebe Götz George“ lässt die Autorin Amalie Wissing die Protagonistin in der letzten Erzählung sagen:„Ich behandelte meine Wünsche wie ungebetene Gäste“
Ich wünsche uns allen, dass wir das Wünschen nicht verlernen und uns immer auch gegenseitig daran erinnern, dass wir nur Gäste auf diesem Planeten sind.


Liebe Lisa, sei uns bald ein willkommener Gast, gerne mit Freund oder Freundin und sei herzlichst umarmt von Moira!

Dein Carlos

in Mexiko City, am 28.10.1999

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