Texte aus dem Bilderbuch

Briefe und Erzählungen

von    Amalie Wissing    ab 1999

 

Painting ©reated by Marie-Denise Douyon

Hinter jedem Satz

Digital Painting ©reated by Anikó Hencz

Hinter jedem Satz steht eine Frage...
Stop! Halt! Aus!
Die Nächste!
Ruhe bitte!

Hinter jedem Bild steht eine Frage...
Ich gebe zu, ich bin peinlich berührt, wenn meine Gedanken ins Rampenlicht drängen, sich selbstverliebt drehen und spiegeln, mal hier, mal dort ein Gewand überstreifen, um es nach wenigen Schritten mit der gleichen Leichtigkeit wieder abzustreifen und fallen zu lassen. Aber wohin auch mit all den Stoffen, dem heimlichen Rascheln, den seufzenden Farben und milchigen Sommern, Bügel an Bügel, Wort an Wort.

Es ist Freitag. Kein Dreizehnter. Der Einunddreißigste. Ende eines Sommers, der keiner war. Ich stehe auf. Schaue auf die Uhr. Im Flur zeigt sie fünfzehn dreißig. Das muss die Mitteleuropäische Zeit sein. Aber ich muss nicht in Mitteleuropa sein. Mein Flur vielleicht. Das Zitronengelb an der Wand. Ja oder nein?

Hinter jedem Satz steht eine Frage.
Warum dieser Satz? Hätte ich nicht Bedeutenderes denken oder sagen können? Etwas, das sogar mich revolutioniert? Etwas, das kickt? Mich aus dem schlammgrauen Alltag heraus katapultiert in jene Höhen der Erkenntnis, die meine in die Jahre gekommene Verzweiflung noch immer hinter den wabernden Nebeln ferner Gipfel verborgen wähnt.

Fünfzehn Uhr dreißig. Und Freitag. Ist das von Bedeutung? Für mich nicht.
Jedes Wort braucht seinen Mantel. Jedes Tier seinen Namen, jede Liebe ihre Ohnmacht, jeder Pickel sein Gesicht. Auch um fünfzehn Uhr dreißig. Aber mir kann das egal sein. Es muss mir egal sein. Überhaupt muss mir viel mehr egal sein. Unbedacht bleiben. Mehr. Mehr als mehr. Legal. Leal. Egal!


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