Texte aus dem Bilderbuch

Briefe und Erzählungen

von    Amalie Wissing    ab 1999

 

Painting ©reated by Marie-Denise Douyon

Apo und Theken

Painting ©reated by Gregg Simpson

Noch schlief Theken tief und fest.
Im Garten ihres Palastes zwitscherten die ersten Vögel. Es war ein wildes Durcheinander.
...Schöner Tag! Ja-ja-ja-ja-ja! Wohin fliegen wir heute? Geträumt geträumt! Weiß nicht! Weiß nicht!...
Vögel nehmen ihre Aufgabe ernst. Sie zwitschern den Morgen herbei und sind von allen Frühaufstehern immer noch die fröhlichsten.
...Habt ihr Theken gesehen? Habt ihr Theken gesehen?.. schlug die Amsel aufgeregt dazwischen.
Theken räkelte sich in ihren Kissen und wachte auf. Sie war die Enkelin eines Heilkundigen. Der war sehr berühmt, obwohl er schon gestorben war.
Menschen, die sein großes Wissen und seine Güte in Anspruch genommen hatten, hörte man noch immer sagen: „Ob mich sein gütiges Lächeln geheilt hat? War es die Wärme, die ich spürte? Oder waren es die Kräuter? Wer weiß das schon?“
Aber Theken war nicht nur die Enkelin ihres berühmten Großvaters. Sie war ein Mädchen wie du oder deine Schwester, mit leuchtend roten Haaren und türkisblauen Augen. Und sie lebte wie eine Prinzessin in einem Palast mit einer goldenen Kuppel.
Nun, es gibt viele Paläste. Einige davon schmückt eine goldene Kuppel, manche mögen auf einem Hügel oder einer Anhöhe liegen, dass man sie schon von Weitem sieht, aber keiner dieser Paläste hatte eine Kuppel wie Thekens Palast.
Kam nämlich ein Fremder des Weges und schaute den Hügel hinauf, sah er keinen Palast. Er sah die strahlende Sonne und den blauen Himmel. Begab sich der Fremde aber auf eine Anhöhe, so schimmerte der Palast wie ein kühler Bergsee.
Wer in solch einem Palast lebt, braucht kein unnützes Mauerwerk, und muss es nicht eine Freude sein, nach Belieben ein und aus zu gehen?
Theken wachte auf und hörte die Vögel rufen.
„Geduld, Geduld!“ rief Theken den Vögeln zu, deren Sprache sie verstand. Dann sprang sie hurtig auf und lief durch den Garten hinab zu den Wiesen am Bach.
„Erdrauch und Gundelrebe blühen“, freute sie sich und wiegte den Kopf, als wollte sie etwas sagen, denn ihr war, als sähe sie den Großvater an ihrer Seite.
„Ach, könntest du mich begleiten,“ dachte sie, „ich möchte noch so viel von dir lernen!“
Solange der Großvater gelebt hatte, war sie nicht von seiner Seite gewichen. Er hatte sie die Namen aller Bäume und Sträucher im Hain gelehrt, ihr die Fährten des Wildes gelesen und sie mitgenommen, wann immer er Blüten, Wurzeln und Kräuter sammelte, die in einem Zimmer des Palastes trocknen mussten. Vielerlei Gefäß und Gerätschaft hatte er ihr zur Hand gegeben, die sie fein und ordentlich bewahrte. Und so aufmerksam hatte sie zugeschaut, wenn er die Rezepturen zusammenstellte, dass sie nun selber mit geschickter Hand die heilenden Tees, Tinkturen und wohltuenden Elixiere zubereitete.
In Gedanken versunken folgte Theken dem Bachlauf, der zu einer Bucht aus Grotten und Höhlen führte. Von dort gelangte man an einen geschützten Strand. Und diesen Strand, so hieß es, durften nur Mädchen betreten. Und das auch nur ein einziges Mal im Jahr, nämlich zum Fest und zu Ehren der der Mondgöttin, und das fiel immer in den Sommer.
Du siehst, Regeln gibt es überall. Man muss nicht lange schwitzen, um das zu verstehen. Ich will nicht leugnen, dass es solche und solche Regeln gibt. Manche folgen einer Einsicht, aber ich vermute gar, dass manches Mal Bequemlichkeit dahinter steckt. Und das heraus zu finden, ist mitunter kein leichtes.
Du fragst dich sicherlich, was sagen die Burschen dazu und was machen sie an einem Tag, der allein den Mädchen gehört, die sich bis in den hellen Morgen vergnügen?
Apo war einer dieser Burschen.
Er drückte es so aus:„Das Fest der Mondgöttin ist mir wie ein Samum.“
Wisse, dass in Kleinasien der Samum ein heißer Wüstenwind ist.
Na ja, in Kleinasien hat man damals kaum gesagt, das geht mir am ….
Aber du verstehst, was Apo sagt und wie er tief im Herzen fühlt, oder?
Nun, die anderen Burschen hatten ihm zugestimmt, denn er hatte den Nagel auf den Kopf getroffen. Beifällig hatten sie genickt, mit den Füßen gescharrt wie es das Federvieh tut und hatten völlig vergessen, dass niemand sie um ihre Meinung gebeten hatte.
Also gut. An jenem gleichen Morgen hatte Apo entschieden: „Ich will zur Bucht gehen und nach meinem Boot schauen“, und hatte sich auf den Weg gemacht.
War das Boot nun ein Vorwand gewesen oder nicht, er konnte alleine sein und seinen Gedanken nachhängen.
Sorgfältig vertäute er das Boot an einem Felsen.
„Das ist also der Sommer“, dachte er und wünschte sich mit dem Boot aufs Meer und dachte an die Mädchen am Strand.
Theken, die der Weg - oder war es das Schicksal - in dieselbe Bucht geführt hatte, sah ihn verträumt auf einem Felsen stehen.
Das kommt gut, dachte sie und schlich sich an ihn heran wie eine Schlange.
Plötzlich schrie sie:„ Schlange, Apo!“
Theken hatten Schlangen nie geängstigt. Aber sie wusste um Apos Angst.
Er schreckte zusammen und sprang wie ein Käfer hoch und weit und hielt im Sprung die Knie fest umschlungen und tauchte Knall auf Fall in die tosende Gischt.
Theken lachte laut. Ganz im Gegensatz zu Apo, der sich zum Gespött eines Mädchens gemacht hatte. Dann kam er auch noch ins Stottern und spie in kleinen Bögen Wasser, wie es sonst wohl Brunnen tun und seine Augen blitzten.
Thekens Augen blitzten zurück.
War dieses Blitzen der Grund, warum er sich am Morgen des Festtages zu den anderen Burschen gesellte, die zufällig nahe der Bucht herumlümmelten und sich die Augen rieben, als wären sie kurzsichtig?
Nun, Theken mit dem roten Haar war nicht zu übersehen. Apo war von ihrer wilden Schönheit gefesselt und erschöpft vom Schauen fiel er in einen tiefen Schlaf.
Schlafen macht träumen und träumen macht neugierig, und Neugier macht hoffen und Hoffnung prasselt wie ein Regen auf uns. Schwimmen nicht auch den Klügsten die Felle davon, wenn ein schönes Mädchen oder ein schöner Jüngling im Spiel sind?
Als Apo aus seinen Träumen erwachte, flüsterte und kicherte es hell von der Bucht zu ihm herüber.
Licht schlingerte der Mond auf dem Wasser und über einem funkelnden Netz aus Sternen wölbte sich die Nacht.
„Sie ist voller Geheimnis“, dachte er und unaufhaltsam zog ihn das Wasser und zog ihn hinein wie einen großen silbernen Fisch.
Am Strand schnatterten und gackerten die Mädchen, sie tanzten und lachten. Auch über die Jungen in der Bucht.
Theken horchte auf.
Ein leises Raunen zog sie ans Wasser und zog sie hinein wie einen silbernen Fisch.
Was dann geschah?
Du kannst es dir wünschen. So etwas geschieht nicht nur in Märchen.
Also Apo und Theken hatten Kinder? Sicher doch.
Und die hatten wieder Kinder. Tausend mal tausend Kinder, stell dir vor. Woher ich das weiß?
Weil ich in einem bestimmten Wappen eine Schale entdeckt habe. Und die erinnert an den Großvater.
Ich bin mir sicher, du hast sie auch schon entdeckt. Genau. Eine Schlange sieht man auch darin. Ist doch klar, warum, oder?
Du willst noch wissen, warum Apo und Theken unzertrennlich geblieben sind?
Das wird wohl ein Geheimnis bleiben.
Vielleicht waren sie einander längst versprochen, lange noch bevor die Sonne aufging und sie Hand in Hand den Strand entlang schlenderten.
Wer weiß?



















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